Vor bald zwei Jahren ging eine Diskussion um das deutsche Schulsystem durch die Medien, nachdem eine Schülerin getwittert hatte, dass sie mit fast 18 Jahren zwar „keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen“ habe, dafür aber Gedichtsanalysen in vier Sprachen schreiben könne. Viel geändert hat sich seitdem leider nicht – in Gesprächen mit Mitschülern meines Abiturjahrgangs wurde beispielsweise die drohende erste Steuererklärung als höchstwahrscheinlich überfordernd bezeichnet. Aber was tun gegen drohende Fachidiotie? Eine Erweiterung des Fachs Sozialkunde könnte helfen.

Seitdem mein Sozialkundeunterricht in der neunten Klasse begann, bin ich begeistert von diesem Fach. Ich finde es wichtig, über gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Probleme zu diskutieren und Lösungsansätze zu erörtern, und dementsprechend selbstverständlich war es für mich, Sozialkunde als Leistungskurs zu wählen. Vor etwas mehr als einer Woche habe ich meine Abiturarbeit in diesem Fach geschrieben und kann sagen, dass ich Einiges gelernt habe.

Und dann? Leider geht es mir wie Naina, der Schülerin, deren Tweet für reichlich Diskussionsstoff sorgte. Ich kenne mich mittlerweile (mehr oder weniger) gut mit dem Sozialsystem aus, ich weiß, wie beispielsweise der Generationenvertrag funktioniert und dass private Altersvorsorge heute ebenso wichtig ist. Mir ist klar, dass wir als Bürger uns politisch beteiligen müssen, um das bestmögliche politische Ergebnis zu erreichen und dem erstarkenden Populismus die Stirn zu bieten.

Wenn es jedoch um die praktische Umsetzung des Gelernten geht, tue ich mir schwer. Ich weiß nicht, wie eine Steuererklärung aussehen soll, für politische Beteiligung fehlte mir lange die Zeit, und ich bezweifle, dass jeder meiner Mitschüler schon mal einen Briefwahlzettel gesehen hat. Dies ist kein Versäumnis der Schule, es ist vielmehr im Lehrplan einfach nicht vorgesehen.

Sozialkunde als gesellschaftswissenschaftliches Fach wird auch im Leistungskurs nur vierstündig unterrichtet, sodass es den Charakter eines gekürzten LKs erhält. Im Unterricht wird es dadurch knapp, bis zum Abi den gesamten Stoff zu behandeln, und dem Zeitdruck fallen leider im Zweifelsfall Diskussionen zum Opfer. Die Sozialkunde-Fachschaft tut indes viel, um politisches Interesse zu fördern. Neben dem Organisieren kostenloser Abonnements der großen Tageszeitungen für die LK-Schüler und der (freiwilligen) Teilnahme an Diskussionsrunden wie dem Demokratieforum im Hambacher Schloss brachten die Fahrt nach Berlin und in einigen Jahrgängen der Besuch von EU-Institutionen uns die praktischen Aspekte des Fachs näher. Dies erachte ich als sehr lobenswert und danke den Lehrern für ihr Engagement. Was ich mir aber sehr für die folgenden Jahrgänge von Sozialkunde-Leistungskursschülern wünschen würde, wäre eine auch im verpflichtenden Unterricht verankerte praktische Ausrichtung des Faches.

Wie beispielsweise im Sport-Leistungskurs könnte Sozialkunde, mit einer zusätzlichen Wochenstunde ausgestattet, mehr auf praktische Aspekte eingehen. Möglich wären Themeneinheiten zu „Problemen“, die uns Schülern nach dem Abitur als vollwertigen Bürgern der Gesellschaft neu sind, wie beispielsweise die oben genannte Altersvorsorge oder das Verfassen einer Steuererklärung. Durch die zusätzliche Stunde könnte intensiver auf aktuelle Politik eingegangen und mehr und tiefergehend diskutiert werden, beispielsweise auch in Anlehnung an das Debating, wodurch rhetorische und argumentative Fähigkeiten der Schüler gestärkt werden könnten. Eine weitere Idee wäre „freie“ Zeit, um sich aktiv in Projekten von NGOs oder anderen gesellschaftlichen Gruppen zu engagieren, wobei hier natürlich die Objektivität der Schule bzw. des Lehrenden berücksichtigt werden muss.

Zwar kann man dem entgegnen, dass die Schüler dies auch in ihrer freien Zeit tun können, wenn sie denn wollen. Oft steht dem jedoch der weit verbreitete Minimalismus oder eben Zeitmangel (es geht eben nicht oder kaum, neben einer Kursarbeitsphase noch in seiner Freizeit sonderlich produktiv zu sein) der Schüler entgegen, etwas „Nudging“ wäre also nicht schlecht.

Zusammenfassend möchte ich festhalten, dass eine zusätzliche praktische Stunde helfen könnte, die Schüler zu wirklich selbstständigen Bürgern zu bilden, die eben nicht nur für die Schule, sondern auch fürs Leben lernen. Die Idee ist momentan weder sonderlich ausgereift, noch sind potentielle Probleme wie die Frage nach Bewertung der Arbeit oder Unparteilichkeit hinreichend beantwortet. Ich möchte mich mit diesem Vorschlag nicht gegen die gängige „Praxis“ am WHG wenden, sondern eine Idee unterbreiten, durch die unsere Schule als Positivbeispiel und Vorbild für andere vorangehen könnte, und hoffe dabei auf rege Unterstützung.

von Sophie Korgitzsch, MSS 13

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